Die Welt , 29. September 2007

 

Mit seinem Thriller "Visus" bringt Richard Hayer den Leser ins Grübeln und Gruseln. Von Ulli Kulke

 

Er zeigt die Geheimnisse auf, die sich in den Augen der Menschen spiegeln. Und die versteckten Formen in großen Kunstwerken. Dann bricht die Pest aus. Mit seinem Thriller "Visus" bringt Richard Hayer den Leser ins Grübeln und Gruseln. Denn es scheint alles so möglich.

 

Die Augen sind das Fenster zur Seele, schrieb Cicero. Immer haben die Menschen geheime Botschaften in Augen Anderer gesucht – oder dort sogar auch versteckt. Wie Albrecht Dürer, der in seinem Selbstbildnis für den, der genau hinsieht, eine Überraschung bereithält: Das Fenster, in das er selbst blickte, spiegelt sich in seiner Hornhaut, und diese Reflektionen en miniature wurden zu Dürers Spezialität. Andere Renaissance-Künstler wie Lucas Cranach übernahmen den Gag. Oder war es damals schon mehr als ein Gag?

Geheime Botschaften gar, die uns die Meister mitteilen wollten, wie heute manche vermuten? Heute arbeiten Computerspezialisten in den USA daran, bei hochauflösenden Fotos oder Videos von Menschen deren Reflexionen zum Reden zu bringen, und seien die Augen auf den Bildern noch so klein zu sehen: Die Umgebung der Personen offenbart sich, aufgrund der konvexen Form sogar im Weitwinkel. Aufgepasst, bin Laden! Bald schauen wir dir tief in die Augen bei deinen Mitteilungen per Video. Wir wissen dann, in welcher Landschaft du dich aufhältst.

 

DIE PEST ALS TERRORANSCHLAG

Es sind solche tiefen Blicke in fotografierte Augen, mit denen Richard Hayer in seinem neuen Thriller „Visus“ spielt, aber eben auch mit geheimen Botschaften in alten Bildern. In den Meisterwerken des Piero della Francesca. Der Künstler aus der Nähe von Arezzo hat sie in seine Werke eingebaut, und sie entwickeln bei Hayer ungeheure Wirkmacht.

Hayer muss den Vergleich mit Dan Browns „Sakrileg“ nicht scheuen. Allerdings: In Hayers Buch gerät nicht nur die christliche Religion ins Wanken, sondern die Menschheit insgesamt an den Abgrund. Die Pest bricht aus. Das ist in „Visus“ neben den Botschaften aus alten Bildern die zweite Fracht aus dem Spätmittelalter ins Hier und Jetzt.

Die Pest – ein Terroranschlag? Durchaus im Hier und Jetzt holt uns Hayer ab, entführt uns in immer phantastischere Verwicklungen von Glaubensgemeinschaften, organisierter Kriminalität, Kunsthändlern und dem großen Imperium aus Amerika, das durch allumfassende Überwachung aller Bewegungen rund um den Globus die Welt retten soll, aber alles nur schlimmer macht.

 

MATHEMATISCHE GEHEIMNISSE DER KUNST

Es ist frappant, wie viel an Hayers scheinbar so phantastischer Welt doch real sein könnte, vielleicht jedenfalls. Was den Leser Grübeln und Gruseln macht. Das gilt zum einen für die Mitteilungen, die uns Piero della Francesca insgeheim mit seinen Bildern geben wollte. Er, der die Kunst ja tatsächlich mathematisch ergründete wie kein anderer der alten Meister.

War er insgeheim Pythagoräer, und wollte uns – wie diese – mit seinen Bildern sagen, dass es in Wahrheit Fünfecke, Pentagone und Pentagramme sind, die die Welt im Innersten zusammenhalten? Ist dies wirklich nur ein mittelalterlicher Aberglaube, oder gilt es heute noch?

Dass der Grundriss des Pentagons, des größten Gebäudes der Welt, fünfeckig ist – war da was? Francesca war der Meister Luca Paciolis, jenes Franziskanermönches, der den Goldenen Schnitt mathematisch vom Fünfeck ableitete und auch als universelles Prinzip entdeckte. Schauen wir uns Francescas Bilder mal genauer an – das ist die Botschaft Hayers.

 

RAFFINESSE UND EINDRINGLICHER THRILL

Und das nur scheinbar phantastische gilt auch für die Art, wie bei Hayer die Pest aus den Tiefen des Schwarzen Meeres und des Mittelalters emporkommt. Sagen uns die Forscher nicht, dass Bakterien tatsächlich über Jahrhunderte quasi Winterschlaf halten könnten? Und dass sich Krankheiten, die so lange in dunklen Tiefen schlummerten wie in „Visus“, womöglich einfach durch Licht übertragen, zu neuem Leben erwecken lassen?

Wenn es so ist, dann gnade uns Gott. Die ganz realen Forschungen des russischen Biologen Kasnatschejew über die Zellkommunikation und das „dynamische Prinzip“ jedenfalls geben da zu denken. Was aber könnte ein Buch eindringlicher machen als ein phantastischer Thrill, der sich als Halbwahrheit in unsere Nähe schleicht und unter die Haut geht, wie es uns „Visus“ bietet? Getarnt durch raffinierte Spiegelungen und Botschaften in Wort und Bild.

Hauptschauplatz des Geschehens ist die wilde Gebirgsgegend im Südosten des Schwarzen Meeres, in Armenien, dem mittelalterlichen Brennpunkt von Kulturen und Religionen, dort, wo Noahs Ararat in den Himmel ragt. Nun aber könnte diese biblische Bergregion der Ort sein, wo abermals Daseinsformen aus anderen Zeiten neues Leben finden – diesmal erst den Weltuntergang herbeiführen. Die Pest.

Richard Hayer. Visus. Ullstein, Berlin. 572 S., 8,95 Euro.